Zürichsee-Zeitung, 2009-05-08; Seite 2; Nummer
The CouchSurfing Wiki, an informal workspace which anyone can edit.
© Zürichsee-Zeitung; 08.05.2009; Seite 2zst
Zürichsee-Zeitung Sihltal-Thalwil
Sihltal
Adliswil Porträt eines internationalen Ehepaars, für das Gastfreundschaft zum Alltag gehört
Die Welt auf der «Couch» zu Gast
Matthew und Romy Backus nehmen unbekannte Reisende aus aller Welt bei sich auf – dank der Internetplattform «Couchsurfing».
Von Katharina Weber
Matthew und Romy Backus’ «Couch» ist in Wirklichkeit ein doppelstöckiges Kajütenbett. Hier übernachteten im letzten Jahr unter anderen ein australisches Paar auf Hochzeitsreise, eine junge Touristin aus St. Petersburg und ein französischer Student, der zu Forschungszwecken schweizerische Bibliotheken durchforstete. Alle, ohne dafür einen Rappen zu bezahlen – und ohne ihre Gastgeber vorher zu kennen.
Die Adliswiler Matthew und Romy Backus sind Mitglieder bei «Couchsurfing», einer Internetplattform mit über einer Million Mitgliedern aus 231 Ländern. Das Prinzip des Netzwerks ist einfach: Wer sich registriert, bietet anderen Mitgliedern auf Anfrage für einige Nächte einen kostenlosen Schlafplatz an – oder zumindest die Bereitschaft, einige gemeinsame Stunden bei einer Tasse Kaffee zu verbringen.
Eine gute Sache, befand der US-Amerikaner Matthew Backus, als er vor vier Jahren im Bordmagazin einer Fluggesellschaft erstmals von «Couchsurfing» las. Seither hat er annähernd 40 unbekannte Gäste beherbergt, zuerst in seiner damaligen Wohnung in Leysin, seit 2008 in Adliswil gemeinsam mit seiner Frau Romy – und mit der Katze Schoggi, die Besucher liebt und Türen öffnen kann. Ins Sihltal gezogen sind Matthew und Romy Backus, da beide für die Zurich International School arbeiten, er als Informatiker, sie in der Administration.
Schweizer Alltag kennenlernen
In fremde Länder reisen und gratis bei Einheimischen übernachten – die Idee, so das Ferienbudget zu entlasten, klingt verlockend. Doch «Couchsurfing» will mehr als nur Übernachtungsmöglichkeiten für mittellose Reisende vermitteln. «Wer nur umsonst übernachten will, ist aus dem falschen Grund dabei», bekräftigt Matthew Backus. Vielmehr gehe es darum, den kulturellen Austausch zu fördern. Deshalb bieten der 30-jährige Matthew und die 24-jährige Romy Backus ihren Gästen nicht nur Bett, Bad und Frühstück, sondern erklären ihnen gerne auch, wie das alltägliche Leben in der Schweiz funktioniert – mit anschaulichen Beispielen wie dem Wäscheplan im Mehrfamilienhaus und der Abfalltrennung.
«Wer sich als Tourist in einem andern Land aufhält und in Hotels übernachtet, lernt selten Einheimische kennen. Mit «Couchsurfing» ist das anders», sagt Matthew Backus. Dass «Couchsurfer» Interesse zeigen am Leben ihrer Gastgeber, gehört für Romy Backus dazu: «Einmal beherbergten wir eine Australierin, die das Haus frühmorgens verliess und erst spätabends wieder nach Hause kam. Für manche Leute mag das heissen, dass sie ihre Gastgeber nicht belästigen – doch ich fühle mich nicht behelligt, wenn Gäste ihre Zeit mit uns verbringen.»
Und so beziehen Matthew und Romy Backus ihre Gäste in ihre Freizeitaktivitäten ein, lassen sie typische Schweizer Speisen probieren und bieten sich an Wochenenden auch als Reiseführer an. «Wir versuchen aber, nicht Touristenmagnete wie den ‹Zeughauskeller› zu zeigen, sondern eher Orte und Lokale, die man als normaler Tourist nicht finden würde», erklärt Matthew Backus. Wenn es ihren Gästen am Herzen liegt, kommen Matthew und Romy Backus aber auch dem typischsten aller Touristenwünsche nach: «Ein australisches Paar, das wir letzten Sommer beherbergten, wollte unbedingt Fondue probieren, obwohl das Thermometer über 30 Grad anzeigte. Nach wenigen Bissen wussten beide, weshalb Schweizer Fondue nur im Winter essen», lacht Romy Backus.
Gutes Benehmen lohnt sich
Schlechte Erfahrungen machten Matthew und Romy Backus bisher mit keinem einzigen ihrer unbekannten Gäste. «Wir schauen uns aber das Profil der Leute, die uns für eine Übernachtung anfragen, genau an», erklärt Romy Backus. Denn wie vertrauenswürdig jemand ist, lässt sich auch im vermeintlich anonymen Internet feststellen: Auf ihrer Profilseite mit Bild machen die «Couchsurfing»-Mitglieder nicht nur Angaben zu ihrer Person, sondern hinterlassen sich auch gegenseitige Bewertungen. «Ich verbrachte eine tolle Zeit mit Matt und Romy, als ich in ihrer Wohnung in Zürich übernachtete», schreibt etwa Ashley Higgins aus den USA. Wer sich flegelhaft benimmt, muss hingegen damit rechnen, dass sein virtueller Ruf leidet. «Wir haben bis anhin aber nur wenige Anfragen abgewiesen, und diese meist, weil wir keine Zeit hatten», sagt Romy Backus.
Internationale Gemeinschaft
Matthew Backus, der in New York aufgewachsen ist und seit zehn Jahren in der Schweiz lebt, und Romy Backus, die als Tochter eines Schweizers und einer Neuseeländerin ihre Kindheit in fünf Ländern verbracht und internationale Schulen besucht hat, sind keine Ausnahme in der Zürcher «Couchsurfer»-Gemeinschaft, die sich regelmässig zu Barbecues oder anderen Anlässen trifft: «Nur etwa die Hälfte sind Schweizer – und diese sind für Schweizer eher untypisch extrovertiert und offen für Unbekanntes», ist Matthew Backus’ Eindruck.
Die Möglichkeit, am eigenen Wohnort Leute aus anderen Ländern zu treffen, macht für Matthew und Romy Backus den Reiz aus, immer wieder andere «Couchsurfer» zu beherbergen: «Wenn man kein Geld oder keine Zeit hat für Reisen, kommt die Welt zu einem nach Hause gereist.»
Zu Gast bei Fremden
Kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten finden «Couchsurfer» neben Adliswil in allen Gemeinden des Bezirks Horgen ausser in Hütten. Am besten vertreten sind Horgen mit 13 und Thalwil mit 11 Mitgliedern. Ähnlich wie «Couchsurfing» funktionieren auch die Gastgebernetzwerke «Hospitality Club» und «Be Welcome». (kwe)
www.couchsurfing.com, www.hospitalityclub.org, www.bewelcome.org
